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Je sais que la poésie est indispensable, mais je ne sais pas à quoi. (Jean Cocteau)
Ich weiß, dass die Poesie unverzichtbar ist. Ich weiß nur nicht, wofür.

 
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Dieser Text entstand 1995 anlässlich
einer Veranstaltung von Amnesty
International im Mercator-Gymnasium
Duisburg.
 

Das Gedicht lehnt sich an einen
französischen Text an, der in einer
Sammlung von Texten Strafgefangener
erschien.
 
Es ist auch auf der Internetseite
Padinas Hitliste für Internetgedichte von
zeitgenössischen, deutschen Dichtern

zu finden.

Die Quelle habe ich leider nicht mehr.
 

Das Papier war zerknittert, einige Buchstaben völlig verwischt. Links unten ein Fleck, ausgefranst, als sei ein Tropfen einer salzigen Flüssigkeit darauf gefallen. Noch einmal las er die Zeilen, suchte sich selbst in den Worten und wusste nicht, ob er es gewesen war.
 
Ihr, die ihr meint, stets alles zu verstehen
und euch zu Richtern wohl berufen glaubt,
habt mich verurteilt, und so ist mir Recht geschehen,
und ich bin nicht mehr da, der euch die Ruhe raubt.
Ihr wisst mich sicher hinter Mauern, hinter Gittern,
ihr tötet mich und fühlt euch ganz im Recht.
Ihr wisst, nun müsst ihr nicht mehr vor mir zittern -
ihr seid so gut - und findet mich so schlecht...


 Ich will die Türen schließen hinter meinem Schweigen.
Mit meinen Schattenbildern, meinen Fantasien
will ich hinab in jene Tiefen steigen,
wo eure Gründe vor der Wirklichkeit entfliehn.
Was wisst ihr denn von meinen Wünschen, meinen Träumen,
von meinen Ängsten, meinem neuen Mut,
von meiner Furcht, das Leben zu versäumen,
von meiner Zärtlichkeit, von meiner Wut?
 

Ihr habt es nie verstanden, mich zu lieben,
ihr habt auch nie verstanden, wer ich bin.
Ihr habt geurteilt, habt mich aus der Welt vertrieben,
und meine Todesangst verwirrt euch nicht den Sinn.
Ich wollte lieben, doch ihr habt mich übersehen,
und auch mein Schreien hat euch nicht gestört...
Ihr, die ihr meint, stets alles zu verstehen,
habt nichts verstanden, nichts gesehen, nichts gehört.


Seine Worte, aufgeschrieben nach den Nächten ohne Schlaf -  seine Gedanken, gewiss,  aber sie passten nicht mehr, standen fremd vor ihm, Weggeworfenes aus der Vergangenheit. Er war weiter, er fühlte keine Verzweiflung mehr, keinen Hass, nicht einmal mehr Verachtung, nur noch Leere. Er steckte das Papier in die Hosentasche.

Wenn sie jetzt kämen um ihm zu sagen, dass er aufstehen könnte und gehen, irgend- wohin, nach Hause, zu Tanja, an das Ufer der Druna, wo sie oft gelegen hatten im Schatten der Birken, damals, als alles noch anders war, zu Tanja?  - wenn sie jetzt kämen, um ihm zu sagen, dass er begnadigt war, wenn er jetzt diese Schritte im kahlen Flur hören würde, diese untrüglichen, rhythmischen, zielbestimmten Schritte und das Knirschen des Schlüssels im Schloss  - es würde ihn nicht mehr berühren. Denn auch, wenn sie jetzt kämen, um ihm zu sagen, dass das Kommando bereit stand und der Priester auf ihn wartete, wenn er jetzt diese Schritte im kahlen Flur hören würde, diese untrüglichen, rhythmischen, zielbestimmten Schritte und dann das Knirschen des Schlüssels im Schloss -  er würde nur noch mit den Schultern zucken: Es ist gleichgültig, ob du Stunden oder Jahre wartest, wenn du einmal aufgehört hast zu glauben, dass du ewig bist, dass irgendeine Spur von dir sich irgendwo im  Weltall eingräbt.

Er war ruhig und er sah seinen Körper, der bald nichts mehr sein würde als ein Klumpen zuckendes Fleisch, ein Haufen verwesender Gedärme, ein Haufen vermodernder Knochen, ein Haufen Staub, ein Haufen Nichts - er sah diesen Körper, er schaute mit seinen Augen, horchte mit seinen Ohren auf die Schritte im Flur, auf das Knirschen des Schlüssels im Türschloss - aber er war es nicht mehr selbst. Es schwitzte und zitterte in ihm, und er sah zu, und er wusste nicht mehr, wem  dieses Schwitzen, dieses Zittern gehörte. Er musste diesen Körper berühren, ansehen, um zu erfahren, was aus ihm wurde - so, als sei es der eines anderen, eines Fremden. Manchmal spürte er noch etwas, wie eine Welle durch ihn hindurchging, sich überschlug, so, als säße man in einem Flugzeug, das plötzlich absackt. Und manchmal fühlte er sein Herz schlagen, aber das war kein Herzschlag, der ihn beruhigte: Da bewegte sich etwas in ihm, was ihm gar nicht mehr gehörte - er hörte seinem eigenen Herzschlag zu und es war etwas, das mit ihm gar nichts mehr zu tun hatte.

Gar nichts mehr.

Das also hieß Sterben: Aus sich heraus treten und den Körper allein lassen. Zusehen, wie die Kugeln Löcher in diesen Körper bohrten, Löcher, durch die der Tod Eingang fand. 

Zusehen? Aber wie denn zusehen? Wer war das, der zusah? Da war einer, der sagte "Ich" , und der konnte sich vorstellen, dass sein Körper nichts mehr sein würde als ein blutiger Klumpen Fleisch. Aber was wurde denn aus dem, der da "Ich" sagte"? Wohin ging dieses "Ich", wohin verlor es sich, wo löste es sich auf, wie konnte es sein, dass es  einfach nicht mehr war? Musste denn da nicht ein ungeheurer Schrei die Welt zerschneiden?

Ich bin nicht ewig, ich bin nicht unsterblich, aber ich bin doch "Ich", ich bin doch - ich kann doch nicht  nicht sein! 

Das also hieß Sterben: Nicht mehr "Ich" sagen können.

Er spürte sein Herz schlagen, er hörte seinen Atem, er fühlte die Nässe auf seiner Haut, er roch, wie der Schweiß sich zersetzte, und er fühlte seinen Körper, der auf einmal nichts mehr sein sollte als ein blutiger Klumpen Fleisch, ein Haufen verwesender Gedärme, ein Haufen vermodernder Knochen, ein Haufen Staub, ein Haufen - Nichts. Und es war sein Körper, in dem ihre Kugeln zerplatzen würden, sein Körper, in den sie Löcher bohren würden, durch die der Tod Eingang fand. Und es waren seine Augen, die ins Dunkel starrten und nichts sahen, und seine Ohren, die auf die Schritte horchten, auf diese untrüglichen, rhythmischen, zielbestimmten Schritte und dann das Knirschen des Schlüssels im Türschloss. Es ist nicht gleichgültig, ob du auf den Tod wartest, wenn du einmal erkannt hast, dass du nicht ewig bist, dass sich nirgendwo im Weltall eine Spur von dir eingraben wird und dass du nur jetzt lebst, nur einmal, und dass 23 Jahre eine verdammt kurze Zeit sind.
Leben - nur leben, selbst hinter Gittern, selbst auf engstem Raum, mit Kälte und Hunger und Dunkelheit, aber leben! Leben! Leben selbst mit der Schuld - aber leben! Und wer sind sie, die dir das verwehren dürfen, die ihre Kugeln in deinem Körper zerplatzen lassen und sich als Gott heranträumen?

Sein Körper schwitzte und zitterte, und er wusste, wem dieser Körper gehörte. Es war sein Körper, nicht mehr der eines anderen; der Herzschlag, den er spürte, war sein eigener, und etwas ging wie eine Welle durch ihn hindurch sich überschlagend, so, als säße er in einem Flugzeug, das plötzlich absackt. Er zitterte, und es war nicht die Kälte, es war die Angst, die ihn zittern ließ ,es war die Angst, die ihn schwitzen ließ, und es war die Angst, seine Angst, die sich in sein Gehirn fraß und immer größere Fetzen aus seinem Bewußtsein riss. Es war seine Angst - und es waren seine Augen, die den Lichtschimmer unter der Tür sahen, es waren seine Ohren, die die Schritte hörten, diese untrüglichen, rhythmischen, zielbestimmten Schritte, die immer näher kamen, und er hörte das Knirschen des Schlüssels im Türschloss, und als die Tür aufgerissen wurde, da schrie er, und sein ungeheurer Schrei zerschnitt die Welt.

Der Mann in der Uniform stand vor ihm, und sein fauliger Atem schlug ihm ins Gesicht.

 "Sergej Maximowitsch, Sie sind wegen Mordes an Tanja Iwanowna zum Tode verurteilt worden. Ihr Verteidiger hat vor zehn Tagen ein  Gnadengesuch beim Präsidenten eingereicht. Ich bin beauftragt Ihnen mitzuteilen, dass der Präsident Ihr Gnadengesuch angenommen hat. Sie können diese Zelle unverzüglich verlassen und werden in den normalen Trakt umgelegt. Über die Dauer Ihres Gefängnisaufenthalts wird noch entschieden werden."
 

Von weit her kamen diese Worte, und sie drangen in sein Bewusstsein und füllten die Löcher, die die Angst gerissen hatte. Du wirst leben ---

- leben! "Ich" sagen. Dich selbst spüren, dein Herz schlagen hören, die Welle fühlen, die durch den Körper geht und sich überschlägt, wie wenn ein Flugzeug plötzlich absackt. Die Nässe auf der Haut spüren, dein eigenes  Atmen hören, deinen Schweiß riechen - leben!

Der Mann in der Uniform schaute ihn durchdringend an.
"Sergej Maximowitsch, Sie sind ja völlig durchgeschwitzt. Möchten Sie eine Dusche nehmen, bevor Sie in den normalen Trakt umgelegt werden?"

Eine Dusche nehmen - ja, alles abspülen, den Schweiß, den Geruch der Angst und des Todes. Alles wegspülen.

Er nickte. Der Mann in der Uniform nickte zurück. "Kommen Sie! Ein Handtuch finden Sie im Duschraum."

Die Gänge waren leer. Die Schritte hallten auf dem Steinboden. Er hörte sein Herz, es schlug ruhiger und es war sein Herz, und es würde weiter schlagen, hinter Gittern, auf engstem Raum, in Kälte und Dunkelheit, aber es würde weiter schlagen, und noch sollte der Tod keinen Eingang finden.

Sie kamen am Duschraum an. 
"Licht ist innen, neben der Tür. Sie haben zehn Minuten, dann holen wir Sie wieder ab."
Er öffnete die Tür, tastete nach dem Lichtschalter neben der Tür, drückte darauf.
Die Selbstschussanlage funktionierte problemlos. 25 Kugeln zerplatzten in seinem Körper, rissen Löcher, durch die der Tod eindrang. Und keiner hörte den ungeheuren Schrei, der die Welt zerschnitt.

"Die Hinrichtung durch Selbstschussanlagen", sagte der Mann in der Uniform zu dem Abgeordneten, "hat eine Reihe von Vorteilen. Der Verurteilte weiß nicht, was ihm bevorsteht, er ist ruhig, wir ersparen uns den Aufwand mit dem Priester, und vor allem macht sich keiner die Hände schmutzig. Sie wissen ja," lächelte er, "mancher macht sich halt seine Gedanken..." 

In der Hosentasche des blutigen Klumpens Fleisch, der einmal ein Mensch gewesen war, fand der Mann in der Uniform ein Stück Papier. Er las es, schüttelte unmerklich den Kopf, zerknüllte es und warf es in den Papierkorb. Das meiste war unleserlich geworden von dem Blut. Nur die letzten beiden Zeilen waren noch zu lesen:
 

Ihr, die ihr meint, stets alles zu verstehen
habt nichts verstanden, nichts gesehen, nichts gehört


 

 
 
 
zuletzt geändert 20.06.2005           © 2001 by detlev mahnert • detlev@mahnert-online.de 
  23 Kilometer - eine kafkaeske Erzählung