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Ich über mich | Olympia 1972 |
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Texte |
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detlev mahnert:
Leseprobe Ernste
Einleitung zu einem - hoffentlich - eher
heiteren Buch
Tief ist der
Brunnen der Vergangenheit. Sollte
man ihn nicht unergründlich nennen? Ein schöner Anfang. So
beginnen Romane der
Weltliteratur. Da ist eine zwar jedermann unmittelbar zugängliche,
gleichwohl
aber unbestreitbare und unbestrittene Wahrheit in eine griffige
Formulierung
geronnen. So redet ein Dichter. So redet Thomas Mann zu Beginn von
„Joseph und
seine Brüder.“
Leider. Ich hätte dieses Bild auch gern
erfunden, aber nun, da der Nobelpreisträger die Vaterschaftsrechte
daran für
sich beansprucht, kann ich nur als Epigone damit umgehen.
Tief also ist der Brunnen der Vergangenheit,
auch epigonal bleibt es dabei, unergründlich aber wohl nicht –
jedenfalls nicht
der Brunnen einer einzelnen Menschen-Vergangenheit. Ich werfe einen
Stein
hinein – und er fällt, tief, fast ein Menschenleben tief, mehr als
60 Jahre
fällt er hinunter, aber er schlägt auf, er platscht auf das
Wasser, ich höre
das klatschende Geräusch aus der Tiefe, und ein paar Spritzer
schießen hoch,
vereinzelt nur, nicht so stark, dass sie zu einem Strom der
Erinnerungen
anschwellen könnten, aber sie formen sich zu einzelnen Bildern,
kleinen Inseln
im Meer des Vergessens der ersten Lebensjahre.
Dunkel ist es am Grund des Brunnens –
natürlich: Immer ist es am Grund eines Brunnens dunkel, in einem
realen wie in
einem metaphorischen, aber dieser metaphorische Brunnen ist auch
metaphorisch
besonders dunkel, denn es ist eine dunkle Zeit. Es ist Krieg, nicht
irgendeiner: D e r Krieg, der das kürzeste Jahrtausend der
Weltgeschichte
beenden wird: die tausend Jahre zwischen 1933 und 1945.
Ich will nicht von diesen Jahren sprechen -
ich habe nur die letzten vier erlebt, und die Gnade der späten
Geburt könnte
ich wohl für mich reklamieren. Aber ich kann auch von der Zeit
danach nicht
sprechen, ohne die Frage nach Schuld zu stellen. `s
ist Krieg! ‚s ist Krieg! O Gottes Engel wehre, Und
rede du darein! `s
ist leider Krieg - und
ich begehre
Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes
gibt es nicht. Schuld ist wie Unschuld nicht kollektiv, sondern immer
persönlich. „Es hat wohl Zeiten gegeben“, meinte mein
Freund Wilfried, „da konnte man ohne
schicksalhafte Verknüpfungen mit seinem Staat existieren, da
konnte man
glauben, man könne noch einen Weg neben der herrschenden
Gesellschaft gehen. Im
19. und 20. Jahrhundert aber ist nicht einmal mehr die Flucht in sich
selbst
noch ein einfacher Pfad.“
Meine Familie ist nicht neben der Geschichte
gegangen – sie waren alle „dabei“, fast alle, sie haben sich dem
verschrieben,
der angetreten war, das deutsche Volk zu erretten und es in den Abgrund
geführt
hat – und mit ihm viele Millionen anderer Menschen.
Was hat sie bewogen sich selbst aufzugeben,
all das, was ihnen an menschlichen Werten mitgegeben worden war? Was
hat sie
bewogen zu hassen? Zu verachten? Ihren Verstand liegen zu lassen und
blindlings
einem Führer zu vertrauen? Ein
Brief, den mein Vater aus dem „Feld“ – so
hieß das, wenn einer an der Front war – an meine Mutter schrieb,
erschreckt
mich noch heute. Da ist von Liebe die Rede, von Trauer über einen
tödlich
verwundeten Freund...
Ein „prächtiger Mensch“ ist da gestorben,
ein
„glühender Nationalsozialist“, einer ,,aus der ältesten Garde
des Führers...“
Da klingt Dankbarkeit durch, Verehrung für einen Gesinnungsfreund,
Idealismus –
man mag mit Recht über das Objekt solcher Gefühle streiten,
doch soll man den
tadeln, der Trauer über den Verlust eines Freundes empfindet,
eines Menschen,
dem man viel zu verdanken hat? Aber dann
dies: Sehr
geärgert habe ich mich auch darüber, daß man eine
zweijährige Zuchthausstrafe
für einen Schwarzschlächter, der der Volksgemeinschaft
mehrere 100 Kilo Fleisch
entzogen hat, als strenge Strafe bezeichnet. Und wo bleiben die vom
Führer
ausdrücklich geforderten Todesurteile? Dasselbe ist es bei den
großen Hinterziehungen
von Lebensmittelkarten im Innsbrucker Ernährungsamt. Hier sterben
die braven
anständigen Kerle, und zu Hause sperrt man die Lumpen ein, statt
sie auszumerzen
und so der Gegenauslese, die der Krieg durch den Soldatentod der Besten
mit
sich bringt, wenigstens einigermaßen eine positive Auslese
entgegenzusetzen! Da kann einer im
ersten oder jetzigen Krieg
Soldat gewesen sein – wenn er so etwas tut, gehört er
hingerichtet. Wenn an der
Front einer seinen Posten verläßt, dann kostet es ihn ja
auch mit Recht sein
Leben, denn er hat das seiner Kameraden in Gefahr gebracht. Ich glaube,
daß die
Masse unseres Volkes es bestimmt nicht allzuhart empfindet, was der
Führer in
seiner letzten Rede darüber gesagt hat. Und
was der Führer sagt, das ist doch Gesetz!
Zweitausend
Jahre europäischer Rechtsgeschichte weggewischt, weggefegt,
weggebrüllt,
weggebombt von einem, der sich eine dumpf religiöse, von
ungenannten und
unnennbaren mythischen Kräften gespeiste Instanz ausgedacht hatte,
die
Vorsehung, die nun offenbar gerade von ihm erwartete, das deutsche Volk
zu
führen und die Welt zu retten.
„Was der Führer sagt, das ist doch Gesetz!“
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*) Sie waren alle ,,dabei'' - Eltern, Großeltern, Onkel, Tante, und im Gegensatz zu vielen anderen, die nach dem Krieg plötzlich entdeckten, dass sie eigentlich immer Widerstandskämpfer waren, haben sie es nie geleugnet. Meine Generation, die so ganz anders denkt, hat das immer respektiert - wir haben uns nicht angemaßt, über unsere Eltern zu richten, und wir haben versucht, dies auch an die nachfolgende Generation weiter zu geben. Und so hat sich auch mein Sohn Kai mit neun Jahren schon seine Gedanken gemacht, die man in dem Büchlein "Allerdings bin ich ein Mondmann" nachlesen kann. |