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         Die nachfolgende Geschichte ist ein Beispiel dafür, warum es in unserem Land nicht mehr so richtig vorangeht.
       Sie ist wahr - nicht nur insofern, als sie hätte passieren können, sondern sie hat sich so tatsächlich zugetragen -
       ich habe nur ein bisschen übetrieben, und natürlich sind die Namen geändert.


Brunner

Das Haus ist nicht besonders schön – schnell hochgezogene Nachkriegsarchitektur, glatte, schmucklose Wände, Träger bedeutender Nachrichten wie „Kilroy was here“ oder flammender Appelle wie „Fack school“ oder „Wüttende Jugend zur Antifa“ oder „Esst keine Tiere“, drei Etagen, unten große Scheiben. An einer dieser Scheiben ist in  riesigen grünen Lettern zu lesen: „DVI – Die Versicherung mit Herz. – Kompetent - effizient – günstig.“

Das ist Arthur Brunners Reich. Hier sitzt er seit Menschengedenken an seinem Schreibtisch, vor sich zwei Besucherstühle aus Hartplastik, schwarz, der leicht gepolsterte Sitz dunkelrot. Links vom Schreibtisch dämmert der Gummibaum, unentbehrliches Requisit deutscher Schreibstuben, dem Tag entgegen, an dem er abgestaubt wird. DVI investiert nicht mehr in diese Zweigstelle – man munkelt, dass sie aufgegeben werden soll, die Umsätze erreichen bei weitem nicht das Planungsziel, die Lage ist auch nicht so gut, es gibt keine Parkplätze, die Telefonanlage müsste erneuert werden, der Computer hat keine DSL-Verbindung, aber was sollte Brunner auch damit? Auch in ihn investiert das Leben nicht mehr, aber er ist schon so lange dabei, die Konzernleitung bringt es nicht übers Herz ihm wegen Erfolglosigkeit zu kündigen – man ist ja nicht Ackermann, man ist die Vesicherung mit Herz.

Brunner zieht seine Krawatte zurecht und untersucht den Pflegezustand seiner Fingernägel. Der Befund ist zufrieden stellend, die Arbeit kann beginnen. Das Telefon schweigt, von dort droht im Augenblick keine Gefahr, die Aktenordner schweigen ebenfalls, die Bleistifte sind gespitzt, die Stempel vollzählig vorhanden. Brunner versinkt zufrieden in einen halbbewussten Dämmerschlaf, aus dem er jäh durch den polyphonen Klingelton der Eingangstür gerissen wird.

Büteführ tritt ein – einsdreiundachtzig groß, Haare dunkelblond, Igelschnitt, helle Hose, offenes schwarzes Hemd, darunter das bündig mit dem Hals abschließende weiße T-Shirt.
„Guten Morgen!“

Brunner ist etwas irritiert. Der junge Mann bringt eine ungewohnte und bedrohliche Dynamik in das Büro. Die Hoffnung, es könne sich eventuell um einen Ortsfremden handeln, der nach dem Weg zum nächsten Anbieter von Erotik-Dienstleistungen fragen will, löst sich sogleich in resignierende Erkenntnis auf, als Büteführ, den Gegengruß nicht abwartend, anfügt: „Ich komme wegen einer Autoversicherung.“

Ein Kunde, ganz ohne Zweifel, einer, der gesonnen ist, Brunners geregelten Tagesablauf auf das empfindlichste zu stören.

Brunner ringt sich zu einem im Ton weitgehend neutralen Gruß durch und fordert den Kunden, da er ein Gespräch ja nun offensichtlich nicht mehr verhindern kann, auf, sich einem der beiden Besucherstühle anzuvertrauen.

Büteführ nimmt Platz und wartet. In zehn Minuten, so hat er ausgerechnet, muss es möglich sein, diesen einfachen Vorgang zu erledigen: Haftpflichtversicherung, Teilkasko mit 350 Euro Selbstbeteiligung, halbjährliche Zahlungsweise, Punkt.

Brunner, nachdem er umständlich ein an den Seiten durch angetrockneten Nasenschleim etwas verklebtes Taschentuch aus den Tiefen seiner rechten Hosentasche ans Licht befördert, einer eingehenden Inspektion unterzogen und sich sodann den Mund abgewischt hat, schaut auf. Sein Blick fällt skeptisch-wohlwollend auf den jungen Mann.

Büteführ zieht leicht die Mundwinkel nach oben. Ein Lächeln, kalkuliert er, könnte den alten Herrn in die Gänge bringen (ein passendes Bild, fällt ihm auf, absolut kompatibel mit der Situation  „Autoversicherung“). Ein Lächeln als Katalysator eines Versicherungsvorgangs – aber da hat er nicht mit Brunner gerechnet. Brunner, die Verkaufskanone, der Abschlussgigant, muss die Dinge nach seiner Art angehen.

„So, so, Sie wollen hier also ein Auto versichern?“

Büteführ nickt, grunzt Zustimmung, etwas irritiert. Wozu säße er sonst auf diesem schwitzenden Plastikstuhl, einem älteren Mann gegenüber, der von dem Tempo, in dem eine Weinbergschnecke die Bundesautobahn überquert, sichtlich überwältigt wäre.

„Um was für ein Auto handelt es sich?“
-    Einen VW Golf GTI, 102 PS, Baujahr….“
-    Moment, Moment, nicht so schnell mit den jungen Pferden…“, unterbricht Brunner, tief in den Zitatenschatz deutschen Volkstums greifend. „Ein alter Mann ist kein D-Zug“, fügt er scherzend hinzu und Büteführ, der keine Ahnung hat, was ein D-Zug ist, fühlt ein noch nicht richtig greifbares Unbehagen, das sich um den Bauchnabel herum ausbreitet, ringt sich aber gleichwohl ein Lächeln ab.

Brunner nimmt von einem Stapel ansprechend gestalteter Formulare – es sind Selbstdurchschreibsätze, er muss also nicht wie früher erst noch Kohlepapier einlegen – das oberste, zieht aus einem dunkelgrünen Lederbecher, der nordwestlich seiner ebenfalls dunkelgrünen Schreibunterlage thront, einen sorgsam gespitzten Bleistift (Härteklasse B) und lässt ihn entschlossen über dem Formular schweben.

„Also. Ihr Name ist…?
-    Büteführ, Patrick.
-    Aha.“

Der Bleistift quält sich nach rechts, Kästchen um Kästchen füllend.
„Bü – te – für – mit h oder ohne h?“
-    Mit h.
-    Ach ja? Ich kannte vor Jahren einen Rechtsanwalt Bütefür, der schrieb sich aber ohne h, ein sehr anständiger Mensch. Hat drei Mercedes bei uns versichert, natürlich Vollkasko – wenn man mit so einem Auto einen Unfall baut, das geht ja richtig ins Geld.“

Büteführ ist an Versicherungsverträgen des Rechtsanwalts Bütefür – nicht verwandt und nicht verschwägert – nicht übermäßig interessiert. Er möchte voran kommen.
„Vorname Patrick.“

Der Bleistift füllt die nächsten Kästchen.
„Sprechen Sie das Patrick oder Pätrick aus?
-    Patrick – aber das ist hier ja wohl nicht von Bedeutung.
-    Na, na, schon gut, ich will Ihnen natürlich nicht zu nahe treten, aber man möchte seine Kunden doch etwas näher kennen. So ein Versicherungsverhältnis hat doch immer auch etwas mit Vertrauen zu tun.“

Während Büteführ fast unmerklich die Augen nach oben rollen lässt, als schicke er eine Hilfe suchenden Blick an wen auch immer da oben, erwägt Brunner vorübergehend zu schmollen, belässt es dann aber doch bei einem missbilligenden Kopfschütteln.

„Sie sind geboren am…?“
-    14.10.1982.
-    Ach ja? Dann sind Sie ja Waage, wie meine Frau. Wissen Sie, meine Frau sagt immer, Waagemenschen  sind die beliebtesten, sie sind ausgeglichen, humorvoll, musikalisch, tolerant und geduldig – aber ich meine, das kann man ja so auch nicht einfach sagen, da gibt es doch sicher auch andere…“

Büteführ gratuliert sich selbst zu den beiden letztgenannten Eigenschaften des Waagemenschen – besäße er sie nicht, könnte er für Brunners Überleben nicht garantieren…

Brunner hat nun Büteführs persönliche Daten erfasst, kontrolliert die Durchschrift auf Leserlichkeit, nickt zufrieden und wendet sich wieder seinem Kunden zu.

„Also, welches Auto wollen Sie versichern?
- Einen VW Golf GTI – Teilkasko mit 350 Euro Selbstbeteiligung.
- Oh, oh, oh!“

Brunner setzt eine bedenkliche Miene auf.

„Das wird teuer. Der Golf, wissen Sie, der zählt zu den am meisten entwendeten Fahrzeugen. Im letzten Jahr hatten wir – lassen Sie mich nicht lügen – an die….- warten Sie mal, ich hab doch da die Ziffern in den Unterlagen... – einen Moment….“
Brunner zieht mehrere Schubladen auf, sucht die besagten Unterlagen, wühlt sich durch Kolonnen von Zahlen.

„Ich hatte die doch eben noch…da haben wir’s – ach nein, das ist die BMW-Liste.“ Er schaut auf. „BMW, wissen Sie, damit haben wir noch größere Probleme, das wird ein richtiges Verlustgeschäft für uns, überhaupt seit die Grenze nach Polen offen ist, da bekommen wir eine Schadensmeldung nach der anderen. Also, ich habe ja keine Vorurteile, aber man muss doch sehen, dass…“ Er vollendet den Satz nicht und wendet sich wieder seinen Unterlagen zu.

Büteführ beginnt mit den Fingern auf den Schreibtisch zu trommeln.

„Lassen Sie mal, das brauchen Sie jetzt nicht herauszusuchen, das glaube ich Ihnen schon. Teilkasko muss ja nun mal sein, das wird mich ja auch nicht umbringen.“

Brunner ist ein wenig gekränkt. Der junge Mann scheint überhaupt kein Interesse an der Darstellung der Hintergründe zu haben.

„Tja, also, wie gesagt, ein Volkswagen Golf GTI, das wird teuer. Ist denn Ihr Vater bei uns versichert?

 - Meine Mutter.

 - Ihr Vater gar nicht?

- Nein, ich sagte doch, meine Mutter.

- Ja, aber dann bleibt es teuer, da kann ich gar nichts machen, das ist in unseren Bedingungen doch gar nicht so vorgesehen.“

Er blättert in einem Ordner mit internen Anweisungen. „Hier: Ein Rabatt wird gewährt, wenn der Vater des Kunden in unserem Hause bereits eine Versicherung abgeschlossen hat. Ja, was machen wir denn da? Also Ihre Mutter, sagen Sie, hat bei uns ein Fahrzeug versichert? Und Ihr Vater nicht?“

Büteführ spürt, wie sich in ihm ein rasch wachsendes Bedürfnis aufbaut, jetzt aufzuspringen und den alten Mann ohne Ankündigung aus seinem Kunstledersessel hochzuheben und wieder fallen zu lassen, ihn anschließend durchzuschütteln wie einen James-Bond-Martini und ihm ins Gesicht zu brüllen, jedes einzelne Wort mit der Wucht eines Pressluftshammers in seine Gehörgänge bohrend:

„Ich – möchte – jetzt – eine – ganz – normale – Versicherung – für – meinen – VW – Golf – abschließen – und – sonst – nichts!“

Es ist nicht so sehr seine verhältnismäßig gute Erziehung, die ihn davon abhält, sondern vor allem der Gedanke an den nicht unerheblichen Rabatt, den er bei keiner anderen Gesellschaft bekäme.

„Mein Vater ist tot“, sagt er. Sonst nichts.

Brunner drängt es zu fragen, ob der Vater denn eine gute Lebensversicherung gehabt habe und ob man  - gerade angesichts eines so schmerzlichen Verlusts  - nicht überlegen sollte, ob man selbst… , aber irgendetwas in dem Tonfall des Kunden lässt ihn von diesem Vorhaben Abstand nehmen.

„Oh“, sagt Brunner, „das tut mir Leid.“ Er macht eine Pietätspause, legt sein Gesicht in ernste Falten, 10 Gedenksekunden, dann kehrt er zum Geschäft zurück.

„Ja, also, das verändert die Lage. Dann tritt Ihre Mutter sozusagen in die Rechtsnachfolge Ihres Vaters – das heißt, wir können Ihre Mutter so behandeln, als wäre sie Ihr Vater …“ – Brunner überlegt, ob es jetzt angebracht wäre, diese Äußerung als kleinen Scherz zu charakterisieren, nimmt aber auch davon Abstand, weil, so entscheidet er, in zeitlich so naher Verbindung zum Ableben des Vaters des Kunden ein Scherz als geschäftsschädigender Mangel an Respekt aufgefasst werden könnte. Er fährt also fort, seiner Stimme die notwendige Mischung aus Sachlichkeit, Ernst und Zugewandtheit verleihend.

„Dann wird es für Sie nicht mehr so teuer – dann können wir Ihren Wagen als Zweitwagen Ihrer Mutter ansehen, wenn Ihnen das recht ist, und das heißt, dass wir Sie gleich von 270% auf 130% setzen können.“

Wieder quält Brunner seinen Bleistift durch die Kästchen des Formulars. „Kunde hat bereits Fahrzeug bei DVI versichert? Ja.“ Das Feld ist angekreuzt, ein Ende des Vorgangs aber noch unter dem Horizont.

„Sind Sie behindert?“
Büteführ ist so verblüfft, dass er schlicht verneint.

„Schade“, erklärt Brunner. „Wenn Sie nämlich gB 50 hätten, also eine Gehbehinderung von 50 Prozent, dann könnten ich Ihnen ein Angebot machen. Da hätten Sie nämlich jetzt die Option der freien Beförderung mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln oder einer Ermäßigung von zwölfkommafünf Prozent bei der Haftpflichtversicherung – das könnten Sie, wie gesagt, selbst entscheiden, da würde ich Ihnen raten, dass Sie einmal überschlagen, ob Sie überhaupt ein Auto brauchen, denn wenn man umsonst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren kann, dann – aber Sie sind ja leider nicht behindert“, unterbricht sich Brunner und blickt den Kunden bekümmert an.

„Noch besser wäre es natürlich“, fährt er fort, „wenn Sie sogar gB70 oder mehr hätten, wenn Sie also voll gehbehindert wären, denn dann müssten Sie gar nicht wählen, sondern bekämen freie Fahrt mit dem ÖPNV und die zwölfeinhalb Prozent Ermäßigung, das heißt, Sie könnten zum Beispiel in der Stadt umsonst fahren und hätten für Urlaub oder so was trotzdem auch ein Auto. Aber wozu erzähle ich Ihnen das alles“, unterbricht er, sich selbst zur Ordnung rufend, „das Angebot gibt es ja seit fünf Jahren nicht mehr.“

Büteführ ist dem Zusammenbruch nahe. Es sind inzwischen 27 Minuten vergangen. Den Beschwerdebrief an den Vorstand hat er im Kopf bereits fertig formuliert, jetzt gilt es durchzuhalten.

„Gut“, sagt Brunner zufrieden, „also die Haftpflichtversicherung. Da hätte ich ein Angebot, zwei Millionen bei Personenschäden, 5 Millionen bei Sachschäden, das würde Sie dann…“ Er fängt an auf dem Tischrechner Zahlen einzutippen.

„Ich möchte“, unterbricht Büteführ, und inzwischen hat seine Stimme durchaus etwas Schneidendes bekommen, „ich möchte eine Haftpflichtversicherung mit unbegrenzter Schadenshöhe.“

„Aha“, sagt Brunner. „Dann wollen Sie unser Angebot also nicht annehmen? Schade. Aber, na gut, das ist natürlich Ihre Entscheidung, bei uns ist der Kunde noch König. Na gut, also unbegrenzte Schadenshöhe…“ Wieder schleicht der Bleistift über das Formular, findet das Kästchen, das es anzukreuzen gilt, malt das Kreuz, während Büteführ anfängt über die Monarchie nachzudenken.

„Wie möchten Sie denn zahlen?“

„Wir überweisen immer“, knurrt Büteführ, den plötzlich die absurde Vorstellung überfällt, er müsste jeden Monat mit einem Briefumschlag in diesem Büro erscheinen, Brunner die Versicherungsprämie in kleinen Scheinen persönlich und anschließend sich selbst übergeben.

„Nein, nein“, lächelt Brunner überlegen, „da haben Sie mich missverstanden, ich meinte, wollen Sie monatlich, vierteljährlich, halbjährlich oder jährlich zahlen?“

„Halbjährlich“, sagt Büteführ.

„Ja, das geht leider nicht mehr, das haben wir vor zwei Jahren abgeschafft“, bedauert Brunner.

Büteführ ist inzwischen in tiefe Resignation verfallen. „Ja dann in Gottes Namen jährlich.“
„Jährlich. Gut.“ Der Bleistift findet seinen Weg zu dem Kästchen.

Als nach einundfünfzig Minuten der Versicherungsvertrag endlich geschlossen ist – zwischendurch hat Büteführs Mobiltelefon viermal auf das heftigste vibriert um einen eingehenden Anruf anzuzeigen, und jedes Mal ist es ihm schwerer gefallen, den Anruf nicht entgegenzunehmen; beim letzten Mal wollte er hineinbrüllen: „Ich kann jetzt nicht, ich sitze in einem Versicherungsbüro bei einem Menschen, der nichts anderes im Sinn hat, als mich in den Irrsinn zu treiben!“, hatte aber nicht mehr die Kraft dazu – als der Vertrag also nun endlich unter Dach und Fach ist und Brunner seinen Kunden mit den Worten „Wenn irgendetwas unklar ist, können Sie mich jederzeit anrufen!“ verabschieden will, bricht dieser lautlos zusammen und nur das leise Schluchzen, das seinen Körper von Zeit zu Zeit schüttelt, lässt die Hoffnung zu, dass er noch am Leben sein wird, wenn der Notarzt kommt… 


               Arriba Espana - Lied gegen den Franco Faschismus