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                              Anschnur statt online?
 

In der "WELT" vom 10.09.06 setzt sich Detlef Gürtler mit der Aktion "Lebendiges Deutsch" auseinander - zunächst ein durchaus ver- dienstvolles Unterfangen, denn es zeigt, dass die Aktion wahrgenommen wird.
Die Argumentation indessen lässt Objektivität vermissen. Das beginnt schon damit, dass die Gründer der Sprachaktion als "ehrwürdige äl- tere Herren" bezeichnet werden - und solche haben bekanntlich in einer globalen und ungeheuer dynamischen und wahnsinnig modernen Welt keinen Platz, und wenn sie sich einen zu erkämpfen suchen, dann werden sie mit einem milden Lächeln abgespeist. Dabei handelt es sich bei Walter Krämer immerhin um den - damals - 58-jährigen aktiven Professor der Wirtschafts- und Sozialstatistik und Gründer und Vorsitzenden des am schnellsten wachsenden deutschen Vereins, des 27.000 Mitglieder starken Vereins für deutsche Sprache (VdS). Josef Kraus, damals 57, ist Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes. Wolf Schneider zählt zu den profiliertesten deutschen Jour- nalisten und Cornelius Sommer war u.a. deutscher Botschafter in Helsinki und erster Generalkonsul in Kaliningrad - keine Leichtgewichte also, wenn auch in der Tat zum Teil schon recht betagt. Aber die Formulierung, die Gürtler gewählt hat, ist schlicht diffamierend - sie erweckt die Vorstellungen, da sprächen Menschen, die nicht mehr in der Zeit leben, die vielleicht schon etwas senil sind, die man noch ein bisschen respektiert, aber nicht mehr ernst nimmt.

Dann die Hinweise auf die skurrilen Eindeutschungsversuche, wie sie zum Beispiel auf den "redlichen Seiten" von Heinrich Poff oder Hen- ninger zu finden sind: Diese Seiten sind reine Satire, werden von Herrn Gürtler aber offenbar für bare Münze genommen.

Die Redlichen sind ein Phänomen der deutschen Netzkultur. Auf den ersten Blick handelt es sich um Personen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen: den angeblichen, in der heutigen Gesellschaft bestehenden Werteverfall aufzuhalten und den Mitmenschen, insbesondere Jugendlichen, christliche und konservative Werte ins Bewusstsein zu rufen. In Wahrheit handelt es sich bei den "Redlichen" und ähn- lichen Gruppierungen um einen losen Verbund von Hobbykomikern, die mitunter verblüffend gute Satiren zuwege bringen, mitunter aber auch aus reinem Mitläufertum bestehen, wobei nicht selten einer vom anderen abschreibt.

Die "Redlichen" vertreten scheinbare konservative Ideale, wie beispielsweise die Eindeutschung sämtlicher IT-Fachbegriffe (z. B. "Heimseite" statt "Homepage"). Die Personen, die sich damit als "Redliche" ausgeben, beharren in der Regel darauf, authentisch zu sein. Tatsächlich werden von vielen Internetbesuchern auch die haarsträubendsten Darstellungen für bare Münze genommen. [...] Ein "Redlicher" wird häufig einen Namen haben, wie man ihn im wirklichen Leben kaum vorfindet - "Karl Bunsenbrenner", u. ä. Beliebt sind auch Adelstitel und akademische Grade. Darüberhinaus ist es verpönt, jung zu sein. Jugend ist fast immer suspekt und eine Sünde an sich. Der "Redliche" wird meistens eine Fotografie von sich ins Netz stellen, die ein möglichst unvorteilhaftes Gesicht darstellt; insofern sind Fotoprogramme zum Verzerren von Bildern nicht selten eine kleine Hilfe. Bisher sind die "Redlichen" - im Laufe der Jahre in verschiedenen Manifestationen - ausschließlich im Internet und sporadisch im Usenet aufgetreten. (Wikipedia)

Und schließlich das immer wieder zurückgewiesene und dennoch immer wieder auftauchende Argument, die deutsche Sprache habe sich immer schon aus anderen Sprachen bedient: Natürlich - das hat doch kein ernsthafter Mensch, der sich mit Sprache beschäftigt, jemals bezweifelt. Wo die Sprache durch Entlehnungen aus anderen Sprachen reicher wird, ist gegen diesen Vorgang nichts einzuwenden. Wo aber in idiotischer Welttümelei längst etablierte und nach wie vor funktionale Begriffe durch englische ersetzt werden - aus welchen blöden Motiven auch immer - ist Widerstand angebracht. O.k.? Oder einverstanden?



                     

     Anglizismen 
Lieber online als anschnur



Sprachen sind lebendig, solange sie gesprochen werden. Deutsch wird von einigen Hundert Millionen Menschen gesprochen, seine Lebendigkeit sollte außer Zweifel stehen. Umso erstaunlicher ist es, dass vier ehrwürdige ältere Herren eine "Aktion Lebendiges Deutsch" pflegen, mit der sie etwas wiederbele- ben wollen, was all die anderen Millionen ohnehin am Leben halten: die deutsche Sprache eben.

Von Detlef Gürtler

Doch gemeint ist nicht die deutsche, sondern die deutschdeutsche Sprache. Denn Walter Krämer, Josef Kraus, Wolf Schneider und Cornelius Sommer suchen jeden Monat für zwei englischdeutsche Wörter eine deutschdeutsche Entsprechung - um "für jenes unbefangene Vertrauen in die eigene Muttersprache zu werben, wie es Engländern und Franzosen, Polen, Spaniern und Italienern selbstverständlich ist". So verdanken wir ihnen unter anderem die Neubewortung von Fast Food (Schnellkost), Airbag (Prallkissen), No-go-Area (Meidezone) und Brainstorming (Denkrunde). Heute ist Einsendeschluss für Vorschläge zu online und offline.

Gerade Letzteres macht deutlich, warum bei der Aktion ein fader Nachgeschmack bleibt. Denn im deutschsprachigen Teil des Internets kursieren seit längerem Eindeutschungen der beiden Wörter. Sie heißen "anschnur" und "abschnur" und kommen von einem Nutzerschwarm namens "die Redlichen", die gegen das Englische im Deutschen anschreiben. Da werden Internet-Surfer zu "Zwischennetz-Stehseg- lern", und "Hipf-Hüpfer" hören ihre Musik eben "anschnur" oder "abschnur" - und dann auf dem "Spazier- mann" oder dem "Kompaktscheibenspieler".

Dass uns solche Ent-Fremdungen so merkwürdig klingen, liegt nicht daran, dass wir Sklaven der eng- lischen Herrensprache geworden wären. Sondern daran, dass das Deutsche noch nie reines Deutsch- deutsch war. So, wie Deutschland ein Ein- und Durchwanderungsland war und ist, so sind der Clown, der Flop, das Steak und die Party im Deutschen heimisch geworden. So, wie es einst die Ruhrpolen, dann die Türken waren und jetzt wieder die Polen sind, die zu uns einwandern, so waren früher Ein- wortungen aus dem Französischen en vogue, während heute die aus dem Englischen in sind. Morgen vielleicht die aus dem Chinesischen. Wie die menschlichen Einwanderer haben sich auch viele dieser Wörter ein bisschen an ihre neue Heimat angepasst: die englischen Cakes etwa, die Bahlsen Ende des 19. Jahrhunderts brachial und dankenswerterweise in Keks umbenannte, oder der französische Cheque, der zum Scheck wurde. Und banca rotta, die von den Gläubigern zertrümmerte Holzbank des italieni- schen Geldwechslers, hat sich zum Bankrott gemausert.

Ob mit oder ohne ältere Herren fanden und finden solche Einbürgerungen statt. Es gibt sie hin und wie- der in der Großpackung - so 1874, als die Deutsche Reichspost gleich 760 Fremdwörter auf einmal ein- deutschte (und dabei unter anderem das Einschreiben und die Postkarte erfand). Meist aber finden sie im allgegenwärtigen Wirrwarr der Milliarden von Wörtern statt, die täglich auf Deutsch gesprochen oder geschrieben werden. Da schleift sich eine Kurzmitteilung zur SMS ab, ihr Verschicken zum Simsen; mög- licherweise wird bald die SMS selbst Sims heißen, was zwar ein Buchstabe mehr, aber einfacher ist als die bislang benutzte Abkürzung. Dass der USB-Stick hin und wieder Speicherstäbchen genannt wird, macht ihn zu einem Einbürgerungskandidaten der nahen Zukunft.

Ob die "Aktion Lebendiges Deutsch" zu solchen Einbürgerungen führen wird, ist noch nicht heraus. Startseite statt Homepage: möglicherweise. Aber Startuhr statt Countdown: sicher nicht. Das Schöne an allen danebengegangenen Vorschlägen ist, dass sie lautlos wieder verschwinden, ohne den ge- ringsten Schaden zu verursachen. Denn nur eine Neubewortung, die von einer relevanten Zahl von Men- schen dem englischdeutschen Wort vorgezogen wird, geht tatsächlich in den Wortschatz ein. Den windchill factor etwa, der krampfhaft durch den "Windkältefaktor" oder Ähnliches ersetzt werden sollte, verdrängte schließlich die gefühlte Temperatur aus den Wetterberichten.

Wären die Herren Krämer, Kraus, Schneider und Sommer Mitglieder eines deutschen Pendants zur Aca- démie française, die hoheitlich über die Muttersprache wacht, sie könnten beim Versuch, die Sprache zu schützen, eine Großmuttersprache aus ihr machen. Aber die deutsche Sprache wird demokratisch re- giert. Und deshalb ist jedes neue Wort, das seinen Weg in den Wortschatz findet, automatisch eine Bereicherung für die deutsche Sprache.


Artikel erschienen am 11.09.2006