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Ingeborg Mahnert
  Ingeborg Mahnert
4. April 1906 - 10. August 2003



Ich bin zu spät gekommen.

Am 11. August wollte ich nach Freiburg fahren, um Tante Inge zu besuchen.
Am 10. August ist sie gestorben.
Manchmal träume ich, dass ich einen Zug erreichen muss und zu spät komme.
Jetzt weiß ich, warum.

Tante Inge war nicht nur unsere Familien-Älteste, sie war auch das geistige Zentrum unserer Familie. Fast
bis zuletzt hat sie am Weltgeschehen teilgenommen, offen, neugierig, mitfühlend und immer bereit, sich mit
anderen auszutauschen. Manchmal meine ich, dass sie sich immer mehr der Welt öffnete, je älter sie wurde.
Sie zählte nicht zu den verbitterten alten Menschen, denen früher alles besser war und die mit verhärteten
Zügen und herabgezogenen Mundwinkeln auf die jungen  schauen. Wenn sie liebevoll von ihren "Zivis"
sprach, die sie in ihrem Altersheim betreuten, dann leuchteten ihre Augen, die sonst schon manchmal sehr
müde geworden waren, müde von vielen Krankheiten und von den Lasten, die sie getragen hat, ohne sich
je zu beklagen.. Mit diesen jungen Männern hat sie besonders gerne gesprochen - über den Zustand der
Welt, über Krieg und Frieden genau so wie über die täglichen Probleme des Alltags, Studium, Arbeitsplä-
tze, Liebe, Kummer.

Dabei  hat sie selbst es nicht leicht gehabt in ihrem Leben.

Sie hat auf vieles verzichtet - auf all das, was die Egomanen dieser Welt heute als Selbstentfaltung schön-
reden und damit doch nur schrankenlosem Egoismus, fehlender Empathie, fehlender Solidarität das Wort
 reden. Sie war in ihrer stillen und unaufdringlichen Art da, wenn jemand sie brauchte. Sie hat geholfen, wo
sie helfen konnte, beraten, wo sie raten konnte, mit gefühlt, wo Mitgefühl gewünscht war - und gestritten,
wenn Streit notwendig war.

Sie hat auf vieles verzichtet - und hat doch nicht darunter gelitten, denn sie lebte in der Sicherheit eines
unerschütterlichen Glaubens, der auch im Elend das Wirken Gottes zu sehen vermochte. Wir haben sie
bewundert - für diesen Glauben, in dem wir anderen nicht so sicher sind, für ihre umfassende Bildung, für
 ihr lebendiges Interesse an allem, was in ihrer, unserer großen Familie gedacht, gefühlt, geplant, getan
wurde.
Vor allem aber haben wir sie bewundert für ihre Fähigkeit, der schlimmsten Lebenslage etwas Gutes
abzugewinnen, sich zu bescheiden mit dem, was man hatte und was möglich war und dabei zufrieden zu
sein. Unvergesslich werden mir die letzen Tage sein, als sie, schon weit über 97, den Sturz tat, der sie
schließlich das Leben kostete: Mit gebrochenem Arm und Oberschenkelhals lag sie im Krankenhaus,
betreut von einer Krankenschwester aus Ghana - und da erfasste sie unter all ihren Schmerzen doch
ein Gefühl der Dankbarkeit: Dankbarkeit dafür, dass sie in einem ordentlichen Krankenhaus behandelt,
dass sie gepflegt wurde,dass sie also nicht das Schicksal Zehntausender afrikanischer Menschen teilen
musste, die keine solche Behandlung erfahren konnten. In einer Welt von Egoismus, Jugendwahn und
Konsumrausch erschien sie wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.

Wir haben gedacht, sie schafft es auch diesmal wieder, vielleicht im Rollstuhl, aber auf jeden Fall  wieder
in  der Welt. Und dann ging es doch ganz schnell. Als sie entgegen den ursprünglichen Absichten der Ärzte
operiert werden musste, machte ihr von vielen Krankheiten und vom hohen Alter geschwächter Körper nicht
mehr mit. Wenige Tage nach der eigentlich erfolgreichen Operation ist sie gestorben - sanft, ohne Todes-
kampf, wie ihre Mutter. Ich glaube, sie wollte sterben, sie hat bewusst losgelassen, sie hat ihren Wunsch,
hundert Jahre alt zu werden, ad acta gelegt und sich einer anderen Welt anvertraut, einer Welt, vor der sie
keine Angst hatte und die sie so betrat, wie sie gelebt hat: Neugierig, offen und im Vertrauen darauf, dass
das wohl getan ist, was Gott tut.
Sie hatte keine Angst vor dem Tod,
einer anderen Form der Existenz. Im
hinüber geglitten in jene andere Welt,
selbstverständlich und ohne Furcht,
sie war ja auch sehr stolz darauf, dass
geworden ist wie sie, und sie wollte

Nun ist sie es doch nicht geworden.
sind auf die Sonnenuhren gefallen und
nicht
lange genug, dass ich noch von
können.

Aber es wäre ohnehin nur ein Abschied
sen. So gegenwärtig, wie sie mir immer
gesehen haben, wird sie bleiben.  

 
weil sie ihn sah als Durchgang zu 
letzten Jahr ist sie immer wieder
hat mit den Toten gesprochen, ganz
und kam immer wieder zurück, denn
niemand aus der Familie je so alt
doch eigentlich hundert werden...

Sie wollte gehen, und die Schatten
die Zeit ist stehen geblieben - freilich
Tante Inge hätte Abschied nehmen


von einer physischen Existenz gewe-  
war, obwohl wir uns nur noch sehr selten
 Und deshalb bin ich vielleicht doch nicht zu spät gekommen - sie ist ja noch da.

"Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben –
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“ – sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Badendererde“ –
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht

Ich habe Menschen getroffen, die
Mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
Aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
Am Küchenherde lernten,
Hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen -
Und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
Die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
Woher das Sanfte und das Gute kommt,
Weiß es auch heute nicht und muss nun gehen."

(Gottfried Benn)

Bei Tante Inges Beisetzung am  6. September 2003 in Innsbruck sprach der Pfarrer das Gebet, das sie selbst
einige Jahre vor ihrem Tod geschrieben hatte und das eindrucksvoll ihr Wesen widerspiegelt.