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Vor
40 Jahren: Die Essener Songtage
Als die Revolte im Ruhrgebiet tönteWolfgang
Thomas (Westfälische Rundschau, 5.9.2008)
Ein neues Buch rückt die Ereignisse von damals in den Blick. „Zappa, Zoff und Zwischentöne” haben die Autoren Detlef Mahnert und Harry Stürmer ihr im Klartext-Verlag erschienenes Werk genannt. Beide haben die Songtage selbst miterlebt, Mahnert als Künstlerbetreuer, Stürmer als Besucher. Ihre Erinnerungen werfen ein grelles Licht auf die Geschehnisse in einer Zeit, in der es schon als „systemsprengend galt, öffentlich ,Scheiße' zu sagen.” Klassenkampf mit BühnenschweinDer Titel des Buches sagt schon einiges: „Zappa”, weil Bürgerschreck Frank tatsächlich mit seinen „Mothers of Invention” zwei Auftritte bei den Songtagen hatte. „Zwischentöne”, weil neben dem deutschen und internationalen Underground auch Liedermacher am Start waren – immerhin war die Essener Veranstaltung ursprünglich einmal als städtische Variante der idyllischen ersten Waldeck-Festivals konzipiert. Dass die Songtage (wie Monate zuvor Waldeck) 1968 eine hochpolitische Angelegenheit werden würden, machte Franz-Josef Degenhardt schon zum Auftakt, bei einem Deutschen Liederabend, mit einer legendären Verszeile deutlich: „Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf!” Künstler, die die Zwischentöne trotzdem nicht aus ihren Beiträgen strichen, wurden niedergebrüllt oder niederdiskutiert. Bleibt der „Zoff”, und den gab es reichlich in Essen. Deutsche Gruppen wie Floh de Cologne, natürlich Zappa, vor allem aber The Fugs aus den USA servierten Auftritte, die heftig provozierten. Tuli Kupferberg von den Fugs zum Beispiel wiederholte ein Ritual, das er bereits zuhause zelebriert hatte: Nachdem er einem Ruhrgebiets-Bauern ein Schwein für 60 Mark abgeluchst hatte (wie die Westfälische Rundschau damals erfuhr), ließ er es nach Essen karren und präsentierte es auf der Bühne der Gruga-Halle als „amerikanischen Präsidentschaftskandidaten”. Zoff bescherte den Veranstaltern auch der Empfang, zu dem die Stadt Essen in den Saalbau eingeladen hatte: Oberbürgermeister Nieswandt wurde angepöbelt, 30 junge Leute probten Bierdeckel werfend die Weltrevolution. „Was da passiert war, war etwas völlig Irrationales, ein pubertäres Happening, eine absolut unpolitische Aktion, Randale statt einer politischen Auseinandersetzung, die sinnvoll gewesen wäre”, werten Mahnert und Stürmer diese Nacht heute. Und weiter: „Die meisten der etwa 30 Verbal-Terroristen wussten gar nicht so recht, weshalb sie eigentlich da waren, Freibier tranken und ,We shall overcome' sangen.” Henryk M. Broder, der damals die Pressearbeit für die Songtage erledigte und heute laut Angaben der Buch-Autoren nicht mehr so gerne daran erinnert wird, bescheinigte den Rabauken: „Sie sind es nicht wert, Frank Zappa die Koffer zu tragen. Ihre Aktivität erschöpft sich in rhetorischen Deklamationen, untalentiert, irrational, dumm-aktivistisch.” Weil dazu (laut Mahnert und Stürmer: weitgehend falsche) Zeitungsberichte über sexuelle Ausschweifungen („Das war Sauerei im Schweinestall”) erschienen, waren die ersten Essener Songtage gleichzeitig auch die letzten. Obwohl 40 000 Besucher gezählt wurden, obwohl die künstlerische Besetzung wirklich allererste Sahne war. „Zappa,
Zoff und Zwischentöne” will „die Essener Songtage der
Vergessenheit entreißen, ehe die Zeitzeugen alle dahin gegangen
sind”.
Das ist gelungen – durch die fast minutiöse Schilderung der
Vorbereitungen, der Abläufe während der Songtage und der
Geschehnisse
nach dem letzten Konzerttag. Und durch die ausführlichen
Erinnerungen
einer ganzen Reihe Beteiligter, wie zum Beispiel des Musikers und
Geschäftsführers der Veranstaltung, Bernhard Witthüser,
und seines
damaligen Duo-Partners Walter Westrupp.
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